freiStil#100

März/April 2022

                                                                                           PORTRÄT     S.9

Zufall und Planung

Der Komponist, Organist, Pianist, Elektroniker und Klangmagier Josef Novotny

 

Der 1963 geborene Oberösterreicher hat seine Reise vor vielen Jahren von Meggenhofen (Bezirk Grieskirchen) über Linz nach Wien angetreten. In der Leopoldstadt ist er inzwischen längst sesshaft geworden. Nach Wien kam er deshalb, weil es da einfach den besten Orgellehrer Österreichs gab: Peter Planyavsky (Kirchenmusiker, Organist, Dirigent, Autor). So war der nächste Schritt nach dem Musikgymnasium in Linz (1978–1983) eben an die Musikuniversität in Wien zu gehen und nicht mit den Schulfreunden nach Salzburg ans Mozarteum. Neben dem Hauptinstrument, der Orgel, studierte er auch Komposition (bei Prof. Erich Urbanner), wo zuerst der Tonsatz verinnerlicht wurde, bevor es ans tatsächliche Komponieren ging, und als Nebenfach belegte er das Klavier. Weil man ja meistens keine Orgel daheim hat, hat sich der Student ein Pedal gebaut, dieses unter das hochgehobene Pianino geschoben und so den Anschlag geübt.

 

Aber Novotny ist nicht nur ehrgeizig und fleißig, er sieht auch damals schon weit über den Tellerrand hinaus. Er nimmt an Jazzseminaren von Adelheid Roidinger teil. Dort lernt er von so wunderbaren Gastdozenten wie Bob Degen (der amerikanische Pianist, der viele Jahre in Deutschland gelebt hat und da mit vielen wichtigen Musikern zusammenspielte) oder Yosuke Yamashita. Der japanische Tastenzauberer hatte ja 1974 eine Aufnahme mit Roidinger gemacht: die wunderbare Duo-Platte Inner Space. Von Yamashita wird er ein ganzes Wochenende in die Geheimnisse des Blues eingeweiht. Und, was er immer wieder betont, von ihm gelernt zu haben, ist es zu erkennen, wie wichtig es ist, mit der Musik Geschichten zu erzählen, auch wenn es nur zwei Töne sind, die man dafür zur Verfügung hat.

 

Die hohen Ansprüche an sich selbst sind die Basis für die schnelle und kontinuierliche Entwicklung des Musikers. In Wien ist er in dieser Zeit mit einem Klaviertrio unterwegs (mit Gerald Endstrasser am Schlagzeug und Gerry Burda an der Bassgitarre). Aber die musikalische Entwicklung des Oberösterreichers war damit noch nicht beendet. Immer wichtiger wurde die Verwendung und der Gebrauch von elektronischen Elementen in seiner Musik. Was mit einfachen Synthies begann, ist inzwischen in der Oberliga der Geräuscherzeugung angelangt, eingebettet in Krach, Noiseelemente und eine Mischung mit bekannten Popmelodien, entsteht die Sogwirkung dieser Sounds. Ein entspannter Umgang mit seinem Instrumentarium ist dem Musiker wichtig. So kann man, grob gesagt, seine Entwicklungsschritte in Zehnjahresintervallen wahrnehmen: vom analogen Synthesizer zum Oberheim.

 

Die lange Reihe von bekannten Namen, mit denen Novotny im Laufe der Jahre aufgetreten ist, spricht Bände. Neben Max Nagl, Achim Tang, Elfi Aichinger, Lol Coxhill, Gerry Hemingway, Tony Buck, Jonas Hellborg, Patrice Heral, Martin Zrost, Paul Skrepek. Leider ist Josef Novotny kein geschickter Selbstvermarkter. Sondern ein bescheidener, puristischer Mensch, ohne Allüren und ohne den Hang zum Medienrummel. Eine solche Einstellung ist sympathisch, aber eben nicht immer förderlich, wenn man in diesem engen Segment der improvisierten Musik überleben möchte.
Seit der Auflösung des erfolgreichen und feinen Max Nagl Quartetts bzw. Quintetts wurde Novotny in der Jazzszene nur mehr wenig wahrgenommen. Aber er ist präsent, er unterrichtet, übt Klavier, tüftelt an seinem elektronischen Equipment, und natürlich gibt es und gab es öffentlich Auftritte mit Leuten aus seinem Umfeld. Elisabeth Flunger, Burkhard Stangl, Katharina Klement und Tanja Feichtmair seien da nur stellvertretend genannt. Wenn dann ein musikalischer Weltenbummler wie Peter Herbert Interesse an einer Zusammenarbeit mit ihm bekundet, ist Josef gleich startklar. Konzerte finden statt. Beide Musiker sind mit dem Miteinander zufrieden; jetzt geht man ins hauseigene Tonstudio, um diese Zusammenarbeit zu dokumentieren. Das Ergebnis soll, taktisch klug, als Vinyl und als CD herauskommen. Man kann sich also bald auf einen Tonträger dieser Session freuen.

 

So wird aus dem Organisten, Komponisten, Pianisten und Elektroniker Josef Novotny allmählich doch eine österreichische Institution, ein reifer, gesuchter Musiker, einer der eigentlich (Corona wird ja wieder einmal Geschichte sein) ständig ausgebucht sein sollte, von Ulrichsberg bis Nickelsdorf, von Wels bis St. Johann, von Cerkno bis Ljubljana. Einer, der den Hammer (tatsächlich ein Hammer!) schwingt, um mittels komplizierter Rechenprogramme dann daraus Musik zu machen. Einer, der nicht vor Lärm zurückschreckt, für den eine Rückkoppelung kein technisches Problem ist, sondern eine zu bewältigende Herausforderung. Der leise, bescheidene, kluge und gebildete Mensch Novotny rühmt sich dieser Attribute nicht. Sein Umfeld weiß das jedoch und schätzt das sehr.

 

Man könnte die Lebensweisheit, die er sich zu eigen gemacht hat, so zusammenfassen: Es gibt schlechtere gute Tage; ein Lebensmotto, das wohl jeder Stoiker unterschreiben würde. So ungeplant kann ein Leben verlaufen, wobei man dann doch überall den berühmten roten Faden sieht. Zufall und Planung, man sieht es in diesem Menschenleben, können sich sinnvoll ergänzen. Nur die informationstheoretisch fassbare Grundlage als Basis zunehmen, ist manchmal zu wenig. Die Dringlichkeit im Spiel Novotnys, Zufälle werden wahrgenommen, reaktionsschnell werden Probleme gelöst, werden Unregelmäßigkeiten als Chance gesehen. So dass der Satz „Ich habe nicht immer eine Lösung für musikalische Turbulenzen, aber ich arbeite daran” wieder zurückführt zum Eigentlichen, zum Menschen Josef Novotny!

 

Ernst Mitter